Prüfungsangst kennen viele Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene. Ein wenig Nervosität oder Lampenfieber vor Klassenarbeiten und Referaten steigert sogar die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit und kann dadurch helfen, eine Prüfungssituation optimal zu bewältigen. Lampenfieber vor Klassenarbeiten darf also sein! Wird die Nervosität aber zu stark und eine Schülerin oder ein Schüler entwickelt starke Angst vor Prüfungen oder anderen Leistungssituationen, kann es zu körperlichen Symptomen, gedanklichen Blockaden und dadurch auch zu Leistungsbeeinträchtigungen kommen. Prüfungsangst ist bereits in der Grundschule weit verbreitet und zählt bei Kindern zwischen 9 und 12 Jahren zu den häufigsten Angstformen (Suhr-Dachs & Döpfner, 2005).  In der Literatur wird Prüfungsangst manchmal auch Leistungsangst oder Testangst bezeichnet. Eine einheitliche Begriffsverwendung gibt es nicht (Melfsen & Walitza, 2013).

 

Wie erkennt man Prüfungsangst?

Jede Schülerin und jeder Schüler erlebt Prüfungsangst anders, typischerweise macht sich die Angst auf drei Ebenen bemerkbar:

  1. Körperlich können in Lern- oder Prüfungssituationen Symptome wie Zittern, Übelkeit, Herzklopfen, Kopfschmerzen oder Schwitzen auftreten. Möglicherweise können Schülerinnen und Schüler schon Tage vor der Prüfung nicht mehr richtig schlafen und sind appetitlos.
  2. Die Gedanken können um mögliche Misserfolge oder Schwächen kreisen z.B. in Angstgedanken wie „Das werde ich nie schaffen!“ oder „Ich bin doch eh dumm!“. Solche Gedanken erhöhen den Druck in der Prüfung und lassen die Angst in der Regel noch größer werden.
  3. Im Verhalten kann sich  Prüfungsangst dadurch zeigen, dass Situationen, die mit der Prüfung zu tun haben, vermieden werden, z.B. das Lernen vor der Prüfung oder auch die Prüfung selbst. Durch unzureichende Vorbereitung wird die Angst vor der Prüfung möglicherweise noch größer. Schülerinnen und Schüler mit Prüfungsangst sind vor Klassenarbeiten vielleicht auch reizbarer und angespannter, niedergeschlagen oder haben Konzentrationsschwierigkeiten.

 

Mögliche Ursachen

Ursachen für Prüfungsangst sind vielfältig und individuell unterschiedlich. Misserfolgserlebnisse in der Vergangenheit, hohe Erwartungen oder Druck können zur Prüfungsangst beitragen. Schulische Überforderung und Teilleistungsstörungen sollten dabei ausgeschlossen werden. Ist eine Schülerin oder ein Schüler tatsächlich mit der schulischen Situation überfordert, besteht vor Prüfungen eine realistische Angst und die Schülerin oder der Schüler benötigt dann Unterstützung (z.B. Förderung) oder eine schulische Entlastung (z.B. Nachteilsausgleiche oder Umschulung).

 

Was man präventiv gegen Prüfungsangst tun kann

Ist die Angst vor den Prüfungen einmal da, können Schülerinnen und Schüler durch realitätsorientierte und mutmachende Gedanken, Entspannungstechniken und ein optimiertes Lernverhalten ihre Angst in den Griff bekommen und handlungsfähiger werden. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer können aber bereits vorher viel dazu beitragen, Prüfungsängsten vorzubeugen. Im Folgenden sind einige Tipps und Hinweise für Lehrkräfte und Eltern aufgeführt, die helfen können, Prüfungsängste gar nicht erst entstehen zu lassen.

 

Hilfreiche Maßnahmen in der Schule

In der Schule ist ein positives Lern- und Klassenklima, das von Wertschätzung und sozialem Miteinander geprägt ist, eine gute Basis, um Ängsten vorzubeugen. Schülerinnen und Schüler fühlen sich wohler und können somit auch besser lernen. Hinzukommt, dass  Ausgrenzungen und Konkurrenzen verringert werden. Die Kinder trauen sich, auch mal was falsch zu machen und lernen, dass Fehler zum Üben dazugehören. Kooperative Lernformen fördern zusätzlich die Selbstständigkeit und das soziale Miteinander der Schülerinnen und Schüler. Die Kinder werden mit ihren individuellen Stärken wahrgenommen.

 

Steht eine Klassenarbeit bevor, helfen rechtzeitige und konkrete Informationen über Termine und Inhalte bei einer optimalen Vorbereitung. Informationen und beispielsweise Übungsaufgaben oder Probeklausuren geben zudem Sicherheit. In der Klassenarbeit selbst helfen Eisbrecher-Aufgaben den Einstieg in die Klassenarbeit zu finden.

 

Bei der Bewertung werden individuelle Bewertungen von den Schülerinnen und Schülern häufig als motivierend erlebt. Dabei sollte es eindeutige und transparente Bewertungskriterien geben. Negative Rückmeldungen sollten im Klassenverband immer möglichst diskret erfolgen. Neben den Fehlern ist es wichtig, dass auch individuelle Fortschritte und Erfolge rückgemeldet werden.

 

Hilfreiche Maßnahmen zuhause

In Hausaufgaben- oder Lernsituationen sollten Eltern ihre Kinder beim selbstständigen Lernen unterstützen, also so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich helfen. Hilfen sollten dabei stets eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: anstatt die richtige Lösung vorzugeben, sollten Eltern ihr Kind darin unterstützen, von selbst auf die richtige Lösung zu kommen. Kinder lernen so ein problemorientiertes Herangehen an Aufgaben und erfahren, dass sie alleine (schwierige) Aufgaben lösen können. Eltern sollten darüber hinaus richtiges Lernverhalten fördern, das heißt auf frühzeitiges Lernen sowie gute Lernbedingungen wie Arbeitsplatzgestaltung und regelmäßige Pausen achten.

Wichtig sind zudem angemessene Leistungsanforderungen und -erwartungen, damit ein Kind nicht überfordert wird oder Angst vor Misserfolg entwickelt. Dazu gehört auch die Wahl der richtigen Schulform. Ein regelmäßiger Austausch zwischen Schule und Elternhaus hilft, die schulischen Fortschritte des Kindes einschätzen zu können.

 

Der Tag einer Leistungsüberprüfung sollte möglichst normal gestalten werden. Dabei ist es für die Kinder hilfreich, wenn die Eltern selbst ruhig und gelassen bleiben. Kinder lernen am Modell der Eltern, wie sie mit belastenden oder beängstigenden Situationen umgehen. Sind die Eltern besonders besorgt, verleiht dies der Prüfung viel Gewicht und Sonderbehandlungen verstärken möglicherweise ängstliche Tendenzen. Ermutigungen und zuversichtliche Äußerungen helfen dem Kind, positiv und gelassen in die Prüfung zu gehen.

 

Da prüfungsängstliche Schülerinnen und Schüler häufig Angst vor (schlechten) Bewertungen haben, ist es sinnvoll den Notendruck zu verringern und Noten weniger Bedeutung zukommen zu lassen. So können Eltern beispielweise die Lernanstrengungen anstelle der Noten verstärken und somit den Lernprozess in den Vordergrund rücken. Außerdem sollte es bei schlechten Noten keinesfalls Sanktionen geben, denn dies erhöht den Leistungsdruck und die Angst, bei der nächsten Arbeit wieder schlecht abzuschneiden. Dabei ist auch darauf zu achten, bei schlechten Ergebnissen nicht enttäuscht, kritisierend oder vorwurfsvoll zu reagieren. Besser ist es, dem Kind zu signalisieren, dass eine schlechte Note nicht schlimm ist und gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, wie es das nächste Mal besser klappen könnte.

 

Sollte dennoch Prüfungsangst entstehen, können Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte Unterstützung in schulpsychologischen Beratungsstellen suchen. Schulpsychologische Beratungsstellen findet man deutschlandweit unter www.schulpsychologie.de.

 

Über die Autorin

Natalie Waschke ist Schulpsychologin in der Schulpsychologischen Beratungsstelle Düsseldorf und unterstützt das Forschungsprojekt zur Leistungsangst-Prävention durch fachlichen Input und Beratung. In ihrer schulpsychologischen Arbeit berät sie Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern und Schulen zum Thema Prüfungsangst.

 

Literatur:

  • Fehm, L. & Fydrich, T. (2011). Prüfungsangst. Göttingen: Hogrefe.
  • Krowatschek, D. & Domsch, H. (2011). Stressfrei in die Schule – Ängste überwinden. Ostfildern: Patmos Verlag.
  • Melfsen, S. & Walitza, S. (2013). Soziale Ängste und Schulangst. Weinheim: Beltz.
  • Suhr-Dachs, L. & Döpfner, M. (2005). Leistungsängste: Therapieprogramm für Kinder und Jugendliche mit Angst- und Zwangsstörungen (THAZ). Band 1. Göttingen: Hogrefe.